Ich lebe nun schon seit fünf Jahren in den Niederlanden. Vor kurzem habe ich mein Studium im Norden gegen eine Stelle im Westen eingetauscht – ein häufiges Phänomen für viele niederländische Absolventen und ein bekanntes Phänomen in Deutschland. Aber ich bin Deutscher in den Niederlanden.
Gastbeitrag für das Deutschland-Institut von Ulrike Nagel
Apropos „Kasse“: Warum sitzen an den niederländischen Supermarktkassen ausschließlich Studenten und in Deutschland festangestellte Mitarbeiter? Ich weiß jedenfalls noch nicht, wie ich mir das niederländische „Nebenjob-Phänomen“ erklären soll. Woher zaubern die Niederländer all diese Nebenjobs her? Als Student findet man in Deutschland nicht so leicht einen Nebenjob, weil dieselben Stellen von Festangestellten besetzt werden. Und trotzdem so viel Arbeitslosigkeit? Das verstehe ich nun wirklich nicht.
Seit kurzem steige ich auch am Amsterdamer Hauptbahnhof aus. Und ab und zu fahre ich mit der U-Bahn zu einer Freundin. Unter der Erde wähne ich mich in einem anderen Land. Warum sind die U-Bahnen in Amsterdam so furchtbar alt und schmutzig? Diese U-Bahnen passen in meinen Augen überhaupt nicht zu den gepflegten, sauberen und strukturierten Niederlanden. Die U-Bahnen in Berlin haben eine warme gelbe Farbe, schöne, neue Sitze und fahren an sauberen Bahnhöfen vorbei. Ich hasse solche Vergleiche, wenn Niederländer damit ankommen, aber bei den U-Bahnen kann ich einfach nicht anders.
Ich tippe das hier zwar auf einem Computer, aber jedes Mal, wenn ich irgendwo unterschreiben muss, kommt mir eine neue Frage in den Sinn. Oft muss man zuerst den eigenen Namen schreiben und daneben seine Unterschrift setzen. Das finde ich immer sehr seltsam, denn für mich sind diese beiden Dinge einfach dasselbe. Bei einem Niederländer unterscheidet sich das Setzen einer Unterschrift erheblich vom Aufschreiben eines Namens. Wie kann das sein? Niederländer scheinen eine Unterschrift sogar zu „üben“.
So habe ich noch zahlreiche andere Fragen: Warum wird die niederländische Zeitung im Sommer dünner und bleibt die deutsche Zeitung genauso dick, obwohl in beiden Ländern die „Gurkenzeit“ herrscht? Warum ist jemand in Deutschland fast nichts wert, wenn er nicht zumindest sein Abitur gemacht hat (und kommt man in den Niederlanden mit dem HAVO gut zurecht)? Warum dauert es jetzt fünf Tage, ein Paket oder einen Brief nach Deutschland zu schicken, und früher ging das innerhalb von zwei Tagen? Warum verschwindet die niederländische Regierung in den Sommerferien tatsächlich sofort für Monate aus dem Blickfeld, während in Deutschland alle Politiker in der Presse weiterhin dominant präsent bleiben?
Fragen über Fragen. Ohne Antworten. Die müssen wir erst einmal herausfinden. Aber dann würde die Kolumne zu lang werden. Und glauben Sie bloß nicht, ich sei zu faul, um all diese Antworten auf all diese Fragen zu suchen. Ich bin fleißig dabei. Nicht nur beim Stellen von Fragen.

