UTRECHT – In der vergangenen Nacht wurde in zahlreichen Clubs in Utrecht und Amersfoort zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das Tanzbein geschwungen. Clubs wie De Helling, dB’s und Ekko beteiligten sich an der Protestaktion „De Nacht staat op“; in Amersfoort konnte man im Fluor ausgehen. Die Aktion ist ein Protest gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung.
Beitrag und Text von Ulrike Nagel für RTV Utrecht.
Kurz vor weiteren Lockerungen – hat Protestieren da überhaupt noch Sinn? Arlette de Jong, Leiterin des Pop-Clubs De Helling, ist davon überzeugt. „Dass wieder mehr möglich sein könnte, ist noch immer nicht offiziell bestätigt, und wir sind bereits seit zwei Jahren geschlossen. Die Lockerungen gelten nach wie vor nicht für die Nacht, daher entfällt das gesamte Nachtprogramm. Es ist ein soziales Bindeglied, die Menschen haben sich lange nicht gesehen, es gibt so viel Kreativität, und dieser Wert wird stark unterschätzt.“
In der Schlange vor „De Helling“ sieht man viele fröhliche Gesichter, trotz der Kälte. „Es ist ein tolles Gefühl, einfach mal wieder auszugehen. Es ist schon schön, überhaupt in der Schlange zu stehen. Das Tanzen habe ich wirklich vermisst“, sagt jemand. Und ein Mädchen weiter hinten fügt hinzu: „Es fühlt sich gut an. Wir freuen uns alle darauf, und es ist viel zu lange her.“

Drinnen dröhnen die Beats aus den Lautsprechern, fünf DJs dürfen heute auflegen – bis 4 Uhr morgens, sofern keine Ordnungshüter auftauchen. Sie kommen alle aus Utrecht, sodass sie notfalls mit dem Fahrrad nach Hause fahren können. Bastienne ist eine von ihnen. Durch ihren Job als Krankenschwester brauche sie die Nacht gerade als Ventil, erzählt sie. „Die Nacht fühlt sich intimer an, auch etwas anonymer. Wir hatten im letzten Jahr ein paar Wochenenden, an denen wir öffnen durften, aber das war tagsüber. Gerade in der Nacht kann man so viel leichter loslassen, wer man tagsüber ist. Ich arbeite als Krankenschwester im Krankenhaus, und nachts kann ich einfach in meinen Jogginghosen und meinen großen Pullovern herumtollen und tanzen. Dann bin ich ein anderer Mensch.“

Auch im Krankenhaus spürte Bastienne aufgrund ihres Jobs den Druck durch Corona, zum Beispiel auf der Kohortenstation, auf der sie im vergangenen Jahr gearbeitet hat. „Man sieht beide Extreme der Corona-Diskussion: Einerseits verstehe ich sehr gut, warum es die Maßnahmen gab – mir sind die Folgen von Corona sehr bewusst. Aber warum gerade im Nachtleben die Maßnahmen so streng durchgesetzt werden, das verstehe ich im Moment eigentlich nicht mehr.“
Das Nachtleben fühlt sich nicht anerkannt; nach all diesen Maßnahmen wollen die Clubs wieder sichtbar sein. Arlette de Jong: „Vergessen Sie nicht, dass wir bereits bei Protokoll 19 oder 20 sind. Mal mit Sitzplätzen, mal ohne, 1,5 Meter Abstand, 50 Personen, 30 Personen, 70 Personen, mal mit Gastronomie, mal ohne – es war wirklich heftig.“Im „De Helling“ kann man die ganze Nacht lang tanzen; einigen zufolge wird in anderen Clubs in Utrecht jedoch streng kontrolliert. Arlette de Jong: „Es ist spannend: Die Stadt Utrecht hat angekündigt, dass sie die Vorschriften durchsetzen wird, aber im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden haben wir keine Zwangsgelder erhalten – Utrecht ist also wohl die mutigste Stadt der ganzen Niederlande.“

Die Besucher sind zuversichtlich. „Ich glaube, entweder kommen die Ordnungsbeamten sofort oder sie bleiben ganz weg – und wir hoffen auf Letzteres.“ Eine andere blickt ihren Freund fragend an. „Ich glaube, sie kommen später vorbei – so etwas habe ich gehört, dass sie gegen Ende doch etwas streng werden. In Amsterdam ist es schlimmer als in Utrecht, denke ich. Wir werden sehen, was der Abend bringt“, schließt sie.
Wie Kühe auf der Weide
Drinnen zapft der Barkeeper gerade ein Bier. Mit der richtigen Schaumkrone will es noch nicht so recht klappen. Aber selbst unter seiner Mund-Nasen-Maske sieht man, dass er von Ohr zu Ohr strahlt. „Wir sind alle wie Kühe auf der Weide. Wir haben uns schon so lange darauf gefreut, also geht das Tanzen los. Mal sehen, ob wir die ganze Nacht durchhalten.“ Die Tanzfläche ist inzwischen gut gefüllt. „De Helling“ hat 300 Tickets verkauft, eigentlich hätten es mehr sein dürfen. „Wir haben aber berücksichtigt, dass die Leute dann mehr Platz haben. Und dass wir weniger Leute nach Hause schicken müssen, falls doch Kontrollen stattfinden sollten“, erklärt Geschäftsführer De Jong.

DJ Bastienne freut sich ebenfalls, dass sie endlich wieder auflegen darf, hat dabei aber auch gemischte Gefühle. „Wir fühlen uns nicht gehört, nicht unterstützt, nicht anerkannt. Deshalb organisieren wir das hier. Ich freue mich sehr auf diesen Abend, aber ich bin auch ein bisschen wütend, dass wir das auf diese Weise tun müssen.“ Letztendlich kommen die Ordnungshüter doch noch ins „De Helling“; um 1:30 Uhr überreichen sie eine schriftliche Verwarnung. „Wir mussten um 2:30 Uhr leergeräumt sein, das ist uns gelungen“, teilt Geschäftsführerin Arlette de Jong per E-Mail mit.
Reaktion der Stadt Utrecht
Die Stadt Utrecht teilt am Sonntagmorgen mit, dass zehn mündliche Verwarnungen ausgesprochen wurden. Darauf folgten noch sechs schriftliche Verwarnungen. „Anschließend haben alle noch geöffneten Gastronomiebetriebe geschlossen“, berichtet ein Sprecher. Das Verlassen der Clubs verlief laut der Stadtverwaltung ruhig.

