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Auf Radio 1: Friedrich Merz startet als Bundeskanzler mit einem Kratzer
Deutschland hat einen neuen Bundeskanzler: Friedrich Merz. Aber sein Amtsantritt war echt nicht so glatt. Bei der ersten Abstimmung fehlten ihm überraschend sechs Stimmen, was in der deutschen Politik echt selten ist. Was bedeutet dieser Fehlstart für seine Autorität und Führungsrolle? Tijs van den Brink redet darüber mit René Cuperus und Ulrike Nagel, einer Deutschland-Expertin.
Einführung in die Ernennung von Friedrich Merz zum Bundeskanzler
Friedrich Merz ist heute Nachmittag nach einem chaotischen Tag, wie es ihn in der deutschen Politik noch nie gegeben hat, doch noch zum Bundeskanzler von Deutschland gewählt worden. Entgegen allen Erwartungen bekam Merz heute Morgen bei der ersten Abstimmung nicht genug Unterstützung im Parlament [00:25]. Er startet jetzt als angeschlagener Bundeskanzler. René Cuperus und Ulrike Nagel reden darüber, was Deutschland und Europa von ihm erwarten können [00:36].
Die unerwartete Verzögerung [00:41] Ulrike Nagel merkte an, dass Merz’ Familie heute Morgen schon da war und der deutsche Bundespräsident bereitstand, um ihn zu begrüßen, und dass Reisen nach Frankreich und Polen geplant waren [00:41]. Als die Abstimmung nicht gut lief, wurden alle nervös [00:52]. René Cuperus fand es sogar „amateurhaft”, dass dies nicht vorhergesehen worden war, da die Fraktionen normalerweise auf eine so wichtige Entscheidung gut vorbereitet sein müssten [01:17]. Die Abstimmungen waren geheim, daher ist unklar, wer die abweichenden Stimmen abgegeben hat [01:27]. Es gibt Spekulationen über Abrechnungen und Unzufriedenheit, auch innerhalb der SPD [01:32].
Die zweite Abstimmung und die Folgen [02:00] Heute Morgen bekam Merz 310 Stimmen, aber heute Nachmittag waren es schon 325 [02:00]. Es wird vermutet, dass es ziemlich „laut” zuging und diskutiert wurde, um die zusätzlichen Stimmen zu bekommen [02:25]. Der Vorfall wird als „Chancenkrimi” bezeichnet und ihm vorgeworfen, weil er seine eigenen Leute nicht zusammenhalten konnte [02:54]. Die Kritik lautet, wenn er die Politiker um sich herum nicht halten kann, wie soll er dann die Menschen im Land zusammenhalten [03:05].
Geheime Abstimmungen in Deutschland [03:37] Ulrike Nagel glaubt, dass die Wahrheit über die geheime Abstimmung wahrscheinlich nicht ans Licht kommen wird, weil die Deutschen bei geheimen Abstimmungen sehr vorsichtig sind, sogar bei der Wahl eines Elternvertreters in der Klasse [03:37]. Die Krise war kurz, weil es gleich eine zweite Abstimmung gab, sodass es wie ein „Arbeitsunfall” aussah [04:21].
Der Start als Bundeskanzler [04:41] Merz hat einen „beschädigten” Start mit „zwei blauen Augen und wackligen Knien” [04:41]. Das sieht international nicht gut aus, vor allem weil Deutschland Stabilität in Europa ausstrahlen will [04:53]. Im eigenen Land hat er mit der AfD zu kämpfen, die in Umfragen manchmal die größte Partei ist und offiziell als extremistisch eingestuft wird [05:06]. Die Mehrheit der Koalition ist echt knapp, was von den Oppositionsparteien sofort genutzt wird, um die „wackelige Basis“ zu kritisieren [05:28]. Das könnte ein „Warnsignal“ sein, eine Mahnung, sich mehr anzustrengen [05:44].
Merz’ Persönlichkeit und Führungsqualitäten [05:57] Nagel meint, dass es für Merz ein guter Anfang sein könnte, zu erkennen, dass er härter arbeiten muss, auch wenn ein Machtpolitiker am nächsten Tag vielleicht anders darüber denkt [06:05]. Seine Reisen gehen einfach weiter [06:19]. René Cuperus ist von Merz beeindruckt und findet, dass er sowohl in sozialen Kontakten als auch in seiner Fähigkeit, die Wirtschaft aus der Krise zu führen und in Europa zu investieren, stärker wirkt als Scholz [06:29]. Merz muss so regieren, dass dieser Vorfall in einem halben Jahr vergessen ist [07:16].
Die Reaktion der AfD [07:22] Die AfD war über die chaotische Situation erfreut, und ihre Vorsitzende Alice Weidel forderte Neuwahlen und den Rücktritt von Merz [07:22]. Weidels Partei wurde letzte Woche vom deutschen Verfassungsschutz offiziell als rechtsextrem eingestuft [07:53].
Kann Merz der AfD den Wind aus den Segeln nehmen? [08:04] Ulrike Nagel meint, dass das die wichtigste Frage ist [08:04]. Merz wirkt energisch und entschlossen [08:14], aber es ist fraglich, ob er den Kontakt zu den Bürgern in den Bundesländern herstellen kann, die viel eigene Macht haben [08:20]. Er muss Kontakt zu einem Teil der Menschen aufnehmen, die die AfD gewählt haben, und ihnen das Gefühl geben, dass er es ernst meint [08:43]. Sonst werden sich die Umfragen, die die AfD so stark zeigen, nicht ändern [08:54]. Er muss mehr tun, als nur gute Reden zu halten und entschlossen zu reden [09:10].
Herausforderungen für die Koalition [09:21] René Cuperus betont, dass diese Koalition aus SPD (mit den Grünen im Rücken) und CDU/CSU (mit der AfD im Rücken) eine komplizierte Konstruktion ist [09:21]. Die SPD, die eine Wahlniederlage erlitten hat, muss sich mit den konservativsten Christdemokraten neu erfinden [09:33]. Die Frage ist, wie viel Spielraum Merz und die CDU/CSU bekommen, um in Sachen Migration und Asyl zu agieren, ohne die SPD zu verlieren [09:48]. Die SPD muss viel in Sachen Sozialpolitik und wirtschaftliche Gerechtigkeit tun, um die AfD abzuwählen, und es stellt sich die Frage, wie viel Spielraum sie von den neoliberalen Christdemokraten bekommt [09:56]. Diese Spannungen waren in der Koalition schon da, unabhängig vom heutigen Start [10:11].
Finanzielle Chancen und europäische Rolle [10:27] Finanziell gesehen hat die Koalition mehr Chancen denn je [10:27]. Sie hat die Schuldenbremse aufgehoben und verfügt damit über unbegrenzte Finanzmittel für ein riesiges 500-Milliarden-Paket für die Infrastruktur [10:31]. Merz hat viele christdemokratische Freunde in Europa, was eine einzigartige Chance bietet, in Europa viel zu erreichen [10:51]. Nagel ist aber besorgt, dass Merz als konservativer westdeutscher Politiker mit viel Geld Schwierigkeiten haben wird, den Kontakt zu den einfachen Leuten in der Provinz zu finden [11:10].
Die Themen der Bürger [11:43] Oft kopieren Mitte-Parteien extreme Parteien, aber Cuperus glaubt nicht an diese Theorie [11:43]. Er findet, dass politische Mitte-Parteien sich trauen sollten, die Themen anzugehen, die die Bürger beschäftigen, wie Asyl, Migration und Ungleichheit [11:54]. Wenn man sich nicht darauf konzentriert, geht man als politische Mitte „unter“ [12:18]. Merz hat bereits Versprechen gemacht, die er noch vor seiner Wahl zum Bundeskanzler nicht eingehalten hat [12:37], wie zum Beispiel die Schließung der Grenzen oder die Änderung der „Schuldenbremse“ [12:40]. Er hat aber auch auf internationale Entwicklungen seit den Wahlen reagiert, was auf Führungsstärke hindeutet [12:57].
Merz in Europa und sein Image [13:35] Merz’ Außenminister, ebenfalls von der CDU, war schon Wochen vor Merz’ Wahl unterwegs, ähnlich wie Trump [13:21]. Merz ist ein „Atlantiker”, der Amerika nahesteht und scharf reagiert [13:42]. René Cuperus glaubt, dass Merz aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Ausstrahlung eine wichtige Rolle in Europa spielen kann [14:18]. Scholz ist durch seine Vorsicht in den Hintergrund getreten [14:27]. Nagel denkt auch, dass er das kann, trotz ihrer Kritik am deutschen Humor [14:51].
Balance zwischen innenpolitischer und europäischer Agenda [15:00] Merz wird viel mit Starmer und der „Koalition der Willigen” zu tun haben [15:00]. Deutschland war ein halbes Jahr lang international nicht wirklich sichtbar [15:10], und Merz muss diese Lücke füllen. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Energie, die für Deutschland nötig ist (AfD, Wirtschaft, Autoindustrie), und der Energie, die für die europäische Agenda übrig bleibt [15:15].
Ulrike bei Radio 1 in „Dit is de Dag” mit Tijs van den Brink über Merz, der zu wenige Stimmen hatte, um Bundeskanzler zu werden.Hintergrund ↴
Friedrich Merz wurde beim zweiten Anlauf zum Kanzler gewählt. Nachdem er die erste Wahlrunde verloren hatte, bekam er die nötigen Stimmen. Merz bekam dann die Ernennungsurkunde von Bundespräsident Steinmeier. CDU-Chef Friedrich Merz wurde beim zweiten Anlauf zum Bundeskanzler gewählt. Der 69-Jährige hat heute Nachmittag im Bundestag die erforderliche Mehrheit von mehr als 316 Stimmen bekommen. 325 Abgeordnete haben für ihn gestimmt, 289 dagegen, bei einer Enthaltung. Die neue Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD hat 328 Stimmen im Parlament.
Merz erst im zweiten Anlauf zum Kanzler gewählt
Merz hat die Wahl angenommen. Der scheidende Kanzler Olaf Scholz war einer der ersten, der ihm gratulierte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing Merz anschließend im Schloss Bellevue und überreichte ihm seine Ernennungsurkunde. Nach Erhalt der Urkunde trat der neue Kanzler sein Amt an und wurde am frühen Abend im Bundestag vereidigt. Die Ernennung und Vereidigung der neuen Bundesminister ist ebenfalls für später geplant. Heute Abend wird auch eine Kabinettssitzung stattfinden.
Merz scheitert in der ersten Wahlrunde bei der Kanzlerwahl
Historische Niederlage im ersten Wahlgang Am Morgen hatte Merz im ersten Wahlgang nicht die erforderliche Mehrheit erreicht – ein beispielloses Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Er hatte in der geheimen Abstimmung nur 310 Stimmen erhalten, sechs weniger als die erforderliche Mehrheit. Obwohl die Fraktionen von CDU/CSU und SPD nach eigenen Angaben vollzählig vertreten waren, müssen 18 Abgeordnete gegen Merz gestimmt haben. Wer genau sich geweigert hat, für den CDU-Chef zu stimmen, ist wegen der geheimen Abstimmung nicht bekannt.
Geschäftsordnung geändert
Nach dem historischen Wahldebakel wurde die Sitzung des Bundestages für ein paar Stunden unterbrochen. Danach gab es lange Gespräche zwischen den Fraktionen über den Termin für eine zweite Wahlrunde. Hinter den Kulissen verhandelten die Fraktionsvorsitzenden und Spitzenpolitiker über einen neuen Wahltermin. Zuerst hatte die CDU/CSU gesagt, dass es heute keine zweite Wahlrunde geben würde, aber am frühen Nachmittag wurde eine Einigung über eine zweite Runde erzielt. Der Bundestag änderte die Geschäftsordnung mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit, um die Wahl heute zu ermöglichen. Die Fraktionen von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken hatten gemeinsam darum gebeten.
Die Radiosendung „Dit is de Dag” (Das ist der Tag), die auf NPO Radio 1 ausgestrahlt wird, ist eine tägliche Sendung, die zwischen 18:30 und 19:00 Uhr zu hören ist. Die Sendung konzentriert sich auf die Diskussion aktueller und gesellschaftlicher Themen. Während der Sendung werden verschiedene Gäste eingeladen, darunter Experten, Politiker und Betroffene, um ihre Ansichten und Meinungen zu relevanten Themen zu teilen.