NOS Radio 1: Ulrike Nagel wuchs in Ostdeutschland auf

Am Samstag, dem 3. Oktober, ist es 30 Jahre her, dass Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt wurden. Im Jahr zuvor war die Mauer gefallen, ein wichtiger Moment in der jüngeren Geschichte Deutschlands. Die Journalistin Ulrike Nagel erzählt in der Sendung vom Leben in Ostdeutschland, wo sie aufgewachsen ist. Hören Sie sich das Interview mit Jurgen van den Berg an.

Zusammenfassung des Gesprächs ↴

Die Journalistin Ulrike Nagel diskutiert auf NPO Radio 1 die deutsche Wiedervereinigung 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und die Frage, ob das Land wirklich eins geworden ist.

Jugend in der DDR und das Bewusstsein für ein anderes Deutschland

Ulrike Nagel wurde in Greifswald geboren, einer Universitätsstadt mit einem Kernkraftwerk in der Nähe [00:35]. Sie beschreibt Greifswald als eine schöne alte Stadt mit einer Mischung aus Festungsbau und Plattenbau. Ihre Eltern waren jung, als sie geboren wurde, und zogen später nach Ost-Berlin, zunächst in eine Zweizimmerwohnung ohne Zentralheizung und Warmwasser, dann in eine Neubauwohnung in Marzahn mit diesen Annehmlichkeiten [01:08].

Als Kind war sich Nagel immer eines anderen Deutschlands bewusst, vor allem durch Spielzeug und Kleidung [02:48]. Ihre Freundinnen hatten Barbies und westdeutsche Kuscheltiere, und Nagel selbst bekam gebrauchte Kleidung in leuchtenden Farben von Verwandten aus Westdeutschland geschickt. Sie erinnert sich auch an Überraschungseier mit einer Wippe, die mit ostdeutschem Geld nicht funktionierte [03:58].

Der Fall der Mauer und die ersten Schritte im Westen

Nagel, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls 10 Jahre alt war, erinnert sich vor allem an die Reise ihrer Mutter nach Island am 11. November 1989. Sie selbst fuhr mit ihrem Vater und ihrer Urgroßmutter nach West-Berlin, zum Kurfürstendamm. Dort bekamen sie kostenlos Geld von der Bank, von dem Nagel ihre erste (und einzige) Barbie kaufte. Sie erinnert sich auch daran, dass sie sich bei McDonald’s „kostenlos” dicke Strohhalme schnappen konnte, was in Ostdeutschland undenkbar gewesen wäre [05:09].

Ist Deutschland wirklich wiedervereinigt?

Laut einer aktuellen Umfrage sind 23 % der Deutschen der Meinung, dass das Land noch nicht vereint ist, vor allem aufgrund unterschiedlicher Lebensbedingungen [00:11].

  • Unterschiede, die bestehen bleiben [07:11]:
    • Wirtschaftliche Ungleichheit: Ein westdeutscher Haushalt verfügt über doppelt so viel Vermögen wie ein ostdeutscher Haushalt. Renten und Gehälter sind noch nicht angeglichen; in Ostdeutschland verdient man für die gleiche Arbeit immer noch weniger [07:16].
    • „Wessis” und „Ossis”: Es herrschte eher ein Gefühl der „Annexion” als der Wiedervereinigung, wobei Westdeutschland die Oberhand hatte und die „Wessis” (Westdeutschen) die „Ossis” (Ostdeutschen) beherrschten. Der Wert der ostdeutschen Lebensweise verschwand.
  • Positive Entwicklungen [07:40]:
    • Persönlicher Vorteil: Viele Ostdeutsche (fast die Hälfte) geben an, persönlich von der Einheit profitiert zu haben.
    • Selbstbewusstsein: Die Ostdeutschen haben in den letzten 10 Jahren ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt und sind mündiger geworden. Niemand kann den Osten mehr ignorieren.

Ulrike Nagel betont, dass die Deutschen innerhalb des Landes selbst enorme Unterschiede aufweisen, unabhängig von der Ost-West-Teilung. Sie stellt fest, dass es mehr Einheit denn je gibt und die Mehrheit mit dieser Einheit zufrieden ist, auch wenn es nach wie vor Unterschiede gibt [06:35].

Hintergrund ↴

Vor fast 30 Jahren wurden Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt. Dennoch sind die demografischen Unterschiede zwischen beiden Regionen heute sehr groß. Und es sieht nicht so aus, als würde sich daran etwas ändern, berichtet das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer neuen Studie.
Am 3. Oktober 1990 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR, also Ostdeutschland) mit Westdeutschland wiedervereinigt. Seitdem ist die deutsche Bevölkerung um etwa 3,4 Millionen Menschen gewachsen. Ende 2019 zählte ganz Deutschland nicht weniger als 83,2 Millionen Menschen.

Durch die deutsche Wiedervereinigung von 1990 zu einem einzigen Deutschland wurde die Zeit der Teilung zwischen der ehemaligen DDR, der Deutschen Demokratischen Republik (Ostdeutschland) und der BRD, der Bundesrepublik Deutschland (Westdeutschland), beendet.

Allerdings sind die Unterschiede zwischen Ost und West groß. Während die westlichen Bundesländer zwischen 1990 und 2019 einen Zuwachs von fast 5,5 Millionen Menschen verzeichneten, schrumpfte die Bevölkerung in den fünf östlichen Bundesländern (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) um mehr als 2 Millionen Menschen. Vor allem Sachsen-Anhalt (das Bundesland westlich von Berlin) verzeichnete einen starken Bevölkerungsrückgang. Dort ist die Bevölkerung in dreißig Jahren um ein Viertel geschrumpft.

Auf dem Cover des Jahresberichts zum Stand der deutschen Einheit ist die Fassade eines Hauses im ostdeutschen Görlitz abgebildet. Links so, wie es in den 1980er Jahren war: alt und verfallen, eine Ruine. Rechts ist zu sehen, wie das Haus heute aussieht, renoviert zu einem Prunkstück, beschreibt die Nachrichtenseite tagesschau. So zeigt die Bundesregierung 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gerne die Situation in Ostdeutschland.

Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit (2020)Lesen Sie hier den gesamten Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit (2020) als PDF (12 MB).

Es wurde viel erreicht, wie aus dem Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit hervorgeht. Dieser wurde am Mittwoch, kurz vor der Feier zum 30-jährigen Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober, von Marco Wanderwitz (CDU) vorgestellt. Er ist der Ostbeauftragte, der Berater der Bundesregierung für Ostdeutschland. „Manche Dinge haben etwas länger gedauert als geplant. Aber in vielen Bereichen können wir grundsätzlich sagen: Einheit vollzogen, Einheit wiederhergestellt, Einheit erreicht.“

Die Studie berichtet, dass die Migration von Ost nach West seit 2015 fast zum Erliegen gekommen ist. Aber durch die Abwanderung in den 90er Jahren wurden zu wenige Kinder geboren, um die Bevölkerung wieder auf den alten Stand zu bringen. Auch die Migration aus dem Ausland konnte diese Lücke nicht füllen.

Die Ostdeutschen haben 1989 und 1990 für sich selbst für die Demokratie gekämpft, aber danach war es schnell vorbei mit der Mitbestimmung und dem Mitspracherecht. Seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gelten die westdeutschen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme auch für Ostdeutschland. Viele Ostdeutsche empfinden dies als „aufgezwungen” und fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Dies ergab Anfang dieses Monats erneut eine Studie der deutschen Denkfabrik Bertelsmann Stiftung. Rund 60 Prozent der befragten ostdeutschen Teilnehmer gaben an, dass sie sich als Bürger zweiter Klasse fühlen. Westdeutsche haben dieses Gefühl viel weniger. Für Ostdeutsche ist die Tatsache, dass sie aus Ostdeutschland kommen, noch immer sehr wichtig für ihre Identität, während Westdeutsche ihre Herkunft als weniger relevant empfinden.