Journalistin | Redakteurin | Moderatorin | Deutschland-Expertin / Korrespondent | in Hilversum & Berlin
Auf Radio 1: Große Überflutungen in Deutschland
Zum zweiten Mal in drei Jahren hat Deutschland mit schweren Überschwemmungen zu kämpfen. Nach anhaltenden Regenfällen in Bayern und Baden-Württemberg sind mehrere Dämme gebrochen und Dörfer in der Region werden heute evakuiert. Der Schaden ist erneut enorm. In Deutschland ist die Jahrhundertflut von 2021, die erst vor drei Jahren in der Eifel stattfand, noch in aller Erinnerung. Und doch stehen wieder Straßen unter Wasser, brechen Deiche und müssen Menschen ihre Häuser verlassen, um höher gelegene Gebiete aufzusuchen. Ist Deutschland ausreichend auf die zunehmende Gefahr von Hochwasser infolge des Klimawandels vorbereitet? Und was wurde aus den katastrophalen Überschwemmungen im Ahrtal von 2021 gelernt? Zu Gast ist die Journalistin und Deutschlandkennerin Ulrike Nagel.
00:00 Bureau Buitenland Tim de Wit 00:50 Ulrike Nagel
Zusammenfassung dieses Gesprächs
Einführung zu den Überschwemmungen in Deutschland Deutschland wird erneut von starken Regenfällen im Süden heimgesucht, die zu gefährlichen Überschwemmungen führen. Mehrere Dörfer im Bundesland Bayern wurden evakuiert, und es gab sogar Todesopfer [00:01]. Die Journalistin und Deutschlandkennerin Ulrike Nagel diskutiert die Situation [00:38].
Die aktuelle Lage und Warnungen
Die neuesten Nachrichten besagen, dass eine 43-jährige Frau leider in ihrem Keller tot aufgefunden wurde, nachdem sie seit Sonntag vermisst wurde [00:48]. Hunderte von Menschen werden evakuiert, und es wird dringend empfohlen, Keller nicht mehr zu betreten, da es in Deutschland, insbesondere in dieser Region, ganz normal ist, dass Häuser Keller haben [01:02]. Die Menschen müssen sich an höher gelegene Stellen in ihren Häusern begeben und wichtige Dokumente zusammenstellen [01:18]. In der Nähe des Dorfes Pfaffenhofen sind drei Dämme gebrochen, und auch eine Lärmschutzwand neben einer Autobahn ist durchgebrochen, wodurch die Autobahn unter Wasser steht [01:33]. Die Feuerwehr ist seit drei Tagen ununterbrochen mit Zehntausenden von Helfern im Einsatz. Ein Feuerwehrmann ist gestern ums Leben gekommen, nachdem er bei einer Rettungsaktion aus einem Boot gefallen war [01:44]. Viele Menschen sagen, dass sie noch nie solche Wasserstände erlebt haben [01:56].
Reaktion der Politik
Bundeskanzler Scholz hat heute das Katastrophengebiet besucht [02:01]. Es ist ungewöhnlich, dass die Bevölkerung direkt Kritik an der Bundesregierung übt; dies geschieht eher einige Tage später [02:07]. Das Erscheinen von Politikern in Gummistiefeln ist symbolisch und eine Möglichkeit, ihr Image zu zeigen [02:17]. Scholz merkte an, dass dies bereits das vierte Mal in diesem Jahr ist, dass er im Juni irgendwohin mit Gummistiefeln gehen muss [02:39]. Der Ministerpräsident des Bundeslandes, hier in Bayern, wird jedoch als Erster angesprochen, da die finanziellen Mittel und Vorschriften auf Landesebene liegen [02:50].
Ursachen und Hindernisse für wirksame Maßnahmen
Man fragt sich, warum es wieder so schief läuft, da nach früheren großen Überschwemmungen viel investiert werden sollte [03:06].
Investitionen: Obwohl investiert wird (Bayern hat in den letzten 20 Jahren 4 Milliarden Euro investiert und plant weitere 2 Milliarden), bleibt die Frage, wer die Kosten trägt [03:21]. Kommunen, Länder und Bund müssen sich darüber einigen [03:38].
Raum für Wasser: Ein großes Problem ist der verfügbare Raum für Wasser [03:59]. Im Gegensatz zu den Niederlanden, wo es Polder gibt, die geflutet werden können, gibt es in Deutschland nur wenige Auen [04:01]. Die Menschen leben seit Generationen in Flussgebieten und sind nicht bereit, ihre Häuser und Grundstücke für Polder aufzugeben [04:15]. Von den 10 geplanten Auen wurden nur drei realisiert [04:30].
Klimawandel und politische Dringlichkeit: Scholz verwies auf den Klimawandel als Ursache für die zunehmenden Überschwemmungen [04:39]. In der Politik wird jedoch die Dringlichkeit angezweifelt [04:46]. Es wird viel diskutiert und es werden Berichte erstellt, aber die Umsetzung verläuft langsam, insbesondere wenn es um Finanzen geht [05:03]. Der Minister für Wirtschaft und Klima, Robert Habeck (Grüne), hat dies zwar im Blick, stößt jedoch auf Widerstand innerhalb der Koalition mit der Liberalen Partei und der SPD, die unterschiedliche Standpunkte vertreten [05:09]. Die Dringlichkeit wird zwar erkannt, aber die Umsetzung ist schwierig [05:34]. Habeck wird auch für seine Empfehlungen zum Energiesparen kritisiert, und Experten zufolge werden die Klimaziele für 2030 nicht erreicht [05:39].
Einfluss auf die Europawahlen
Die Überschwemmungen dominieren derzeit die Nachrichten in Deutschland [06:06]. Die Bilder von Politikern in Gummistiefeln könnten die Europawahlen am Donnerstag beeinflussen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die derzeitige Koalition bereits Schwierigkeiten hat und in den Umfragen hinter extremeren Parteien wie der AfD zurückliegt [06:18]. Wenn die Regierung jetzt schneller Maßnahmen ergreift, um solche Katastrophen zu verhindern, könnte dies die Wahrnehmung der Wähler beeinflussen [06:48]. Das Rote Kreuz hat gewarnt, dass viel mehr getan werden muss, um solche Katastrophen zu verhindern [06:53].
Prognosen für die kommenden Tage
Es wird noch mehr Regen erwartet, und an einigen Stellen ist der höchste Wasserstand noch nicht erreicht [07:07]. Das Wasser bewegt sich von Westbayern nach Ostbayern [07:16]. Der größte Teil der Schäden wird erst sichtbar, wenn das Wasser abgeflossen ist [07:24]. Dies war auch im Ahrtal (Ahrweiler) der Fall, wo drei Jahre nach der Katastrophe erst ein großes Hotel wiedereröffnet wurde und der Bahnhof noch immer nicht vollständig repariert ist [07:27]. Die Folgen solcher Katastrophen dauern Jahre an [07:43].
Ulrike Nagel bei Tim de Wit im Studio von Radio 1 über Überschwemmungen in Deutschland
Hintergrund
Erneut sind zwei Menschen durch die Überschwemmungen in Süddeutschland ums Leben gekommen. In einem Haus im Bundesland Baden-Württemberg wurden die Leichen eines Mannes und einer Frau gefunden. Insgesamt sind mindestens vier Menschen ums Leben gekommen.
Rettungskräfte haben die Leichen beim Auspumpen eines Kellers im deutschen Ort Schorndorf gefunden. Der Keller war aufgrund des Unwetters mit Wasser vollgelaufen.
Es handelt sich um eine 84-jährige Frau und ihren 58-jährigen Sohn, die laut Zeugenaussagen versucht hatten, den Keller auszupumpen. Die genauen Umstände sind noch unklar.
Zuvor hatten Rettungskräfte bereits die Leiche einer 43-jährigen Frau in Schrobenhausen nördlich von München gefunden. Am Samstagabend kam ein 42-jähriger Feuerwehrmann ums Leben, als er versuchte, eine Familie aus einem Bungalow in Pfaffenhofen zu retten. In dieser Stadt brach am Sonntag ein Damm des Flusses Paar.
Die Zahl der Todesopfer könnte noch weiter steigen. So wird beispielsweise ein 22-jähriger Feuerwehrmann in Bayern vermisst. Sein Boot kenterte. Die Suche nach dem Mann musste wegen des hohen Wasserstands und der starken Strömung abgebrochen werden.
Wasser bricht durch Lärmschutzwand entlang einer Straße in Deutschland
Deutscher Wetterdienst warnt erneut vor schweren Unwettern und Regen
Die Wasserstände in verschiedenen Flüssen und Bächen in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg sind nach den starken Regenfällen vom vergangenen Wochenende extrem hoch. In der Nacht von Sonntag auf Montag hat sich die Lage in vielen Gebieten verschlechtert.
Der deutsche Wetterdienst hat zudem eine neue Warnung vor heftigen Gewittern mit starken Regenfällen am Montag herausgegeben. Dies gilt insbesondere für den Süden und Osten des Landes.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder rechnet zudem damit, dass die Überschwemmungen noch bis Mittwoch oder Donnerstag andauern werden. Auch wenn der Regen einmal aufhört, bleibt der hohe Wasserstand noch eine Zeit lang gefährlich, betont Söder.
Aufgrund des Wetters wurden Hunderte von Einwohnern evakuiert, die vom Wasser eingeschlossen zu werden drohten. Mehrere Dämme sind durch den Regen gebrochen. Darüber hinaus kommt es aufgrund der Überschwemmungen zu lokalen Stromausfällen.
Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte am Montag den betroffenen Ort Reichertshofen in Bayern. Scholz sagte, die Überschwemmungen seien kein Einzelfall. „Wir dürfen die Aufgabe, den vom Menschen verursachten Klimawandel zu stoppen, nicht vernachlässigen”, sagte er. Die Überschwemmungen seien eine deutliche Warnung, so der Bundeskanzler.
Klimaberater der deutschen Regierung warnten am Montag, dass Deutschland seine eigenen Klimaziele für 2030 offenbar nicht erreichen wird.
In „Bureau Buitenland“ hören Sie internationale Nachrichten, Reportagen und Geopolitik. Mit Hintergrundinformationen und bemerkenswerten Geschichten, montags bis freitags von 13.30 bis 14.00 Uhr. Moderatoren: Sophie Derkzen und Tim de Wit