Ulrike zu Gast bei „Tijd voor Max“ – über Angela Merkel und ihr Buch

Die Deutschlandexpertin Ulrike Nagel bespricht das Buch mit den politischen Memoiren von Angela Merkel, der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin, die dieses Amt 16 Jahre lang bekleidete.

Einleitung ↴

Angela Merkel war jahrelang Bundeskanzlerin Deutschlands. Mit ihrem Handeln und ihrer Haltung prägte sie die deutsche, europäische und internationale Politik. In ihrem neuen Buch „Freiheit” blickt sie auf ihr Leben in zwei deutschen Staaten zurück: bis 1990 in der DDR und anschließend im wiedervereinigten Deutschland. Wie gelang es ihr als Ostdeutsche, die erste Kanzlerin eines vereinigten Deutschlands und eine der mächtigsten Regierungschefinnen der westlichen Welt zu werden? Was trieb sie an?

Zusammenfassung des Gesprächs ↴

Einleitung Heute ist in mehr als 30 Ländern gleichzeitig das Buch „Freiheit“, die lang erwarteten politischen Memoiren von Angela Merkel, erschienen. In diesem Buch blickt die ehemalige Bundeskanzlerin auf ihr Leben zurück, von dem sie die ersten 35 Jahre in der DDR und die nächsten 35 Jahre im wiedervereinigten Deutschland verbrachte [00:25]. Ulrike Nagel, Deutschland-Expertin, wuchs wie Merkel in der DDR auf [00:37].

Ein Einblick in Merkels Privatleben [00:40] Nagel erklärt, dass Merkel sich während ihrer Karriere selten offenbart habe [00:40]. Das Buch gibt jedoch einen besseren Einblick in ihr Privatleben, insbesondere in den ersten Kapiteln über ihre Jugend [01:04]. Das 730 Seiten starke Buch wurde nicht vorab an Journalisten verschickt, was darauf hindeutet, dass Merkel die Kontrolle behalten wollte [01:04]. Sie hat selten über ihre Jugend in der DDR gesprochen, daher ist es interessant, jetzt mehr darüber zu lesen [01:21].

Merkels Stärke und Herausforderungen [01:38] Merkels größte Stärke war ihre Fähigkeit, 16 Jahre lang in der Politik zu überleben, nicht weil niemand sie wollte, sondern weil sie selbst der Meinung war, dass es genug gewesen sei [01:38]. Sie musste in einem geteilten Deutschland und danach in einer „enormen Machokultur” bestehen [01:51]. Als Mitglied der CDU, einer Partei, die sie übernahm, befand sie sich zwischen traditionellen westdeutschen Männern voller Egos [02:05]. Sie wurde oft behindert und lernte schnell, dass Emotionen als Frau in diesem Kontext zurückgestellt werden mussten [02:23]. Sie betonte nie ihre Weiblichkeit oder ihre ostdeutsche Herkunft, sondern stellte ihre Persönlichkeit bescheiden in den Hintergrund zugunsten des „großen Ganzen” [02:42].

Ulrike Nagel te gast bij Omroep Max om te vertellen over het nieuwe boek van Angela Merkel.
Ulrike Nagel im Studio von „Zeit für Max”

Merkels Jugend in der DDR und Parallelen zu Nagel [02:59] Merkel beschreibt ihre Jugend in Ostdeutschland als „glücklich” [02:59]. Nagel, die selbst einen Podcast über ihre Kindheit in der DDR gemacht hat, merkt an, dass Merkel 25 Jahre älter ist und den Fall der Mauer als Erwachsene erlebt hat, während Nagel noch ein Kind war [03:04]. Als Kind war die DDR eine „geschützte, sichere Welt” mit viel Freiheit für Kinder [03:24]. Merkel wuchs auf dem Land auf, obwohl sie in Hamburg (Westdeutschland) geboren wurde [03:34]. Ihr Vater, ein Pastor mit politischen Verbindungen, zog mit der Familie in die Umgebung von Berlin [03:38]. Sie wurde von intelligenten Eltern intellektuell erzogen; ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater Pastor und hochgebildet [03:55]. Merkel studierte Physik und musste sich durch das System „slalomieren”, wobei sie aufpassen musste, was sie sagte [04:08]. Sie empfand die sozialistischen Fächer, die sie belegen musste, als „Stachel im Fleisch” und vermied offene Kritik, um ihrer Karriere nicht zu schaden [04:39]. Das „Leben am Abgrund” oder „leben an der Kante” (die Grenze ausloten) war eine Kunst, die sie meisterhaft beherrschte [05:13].

Der Fall der Mauer und die politische Karriere [05:23] Merkel war überglücklich über den Fall der Mauer im Jahr 1989, da das ständige Lavieren und Aufpassen, was man sagte, viel Energie kostete [05:23]. Sie freute sich über die neuen Möglichkeiten zu reisen und wissenschaftlich andere Dinge zu tun [05:40]. Sie stieg bald in die Politik ein, weil sie an etwas Neuem teilhaben wollte [05:49]. Obwohl sie am ersten Abend nach dem Fall der Mauer die Grenze überquerte und wieder zurückkam, war sie überrascht, dass es in den folgenden Tagen nur noch um Politik ging [05:59]. Sie war eine Befürworterin der Wiedervereinigung und schlug daher die politische Richtung ein [06:09].

Einfluss des DDR-Hintergrunds und Kritik an Merkel [06:16] Ihr DDR-Hintergrund hat ihre politische Karriere beeinflusst, insbesondere ihre Fähigkeit zum „Lavieren” [06:16]. Sie sprach selten über ihren persönlichen Hintergrund, was das Buch interessant macht [06:22]. Sie blieb inmitten von „Ego-Männchen” bescheiden [06:47]. Obwohl Horst Seehofer ihr einmal vorwarf, sie sei auf Macht aus, hält Nagel dies für unglaubwürdig, da Merkel immer das „größere Gemeinwohl” und das Wohl des Landes und der Welt im Blick hatte [06:55]. Sie war nicht eitel, und es ging ihr immer um den Inhalt [07:24]. Gegen Ende ihrer Kanzlerschaft wurde sie wegen ihrer Zweifel und langsamen Entscheidungen vielfach kritisiert [07:47]. Sie bereut jedoch nichts und war der Meinung, dass sie mit dem damaligen Wissen richtig gehandelt habe [08:02].

Das „Wir schaffen das“ und die Flüchtlingskrise [08:21] Ihre Aussage „Wir schaffen das“ wird ihr oft vorgeworfen [08:21]. Sie selbst sagt, dass sie dies gesagt habe, weil man, wenn man die Berliner Mauer fallen lassen konnte, auch einen Flüchtlingsstrom bewältigen könne [08:27]. Dies war eines der wenigen Male, dass sie aus voller Überzeugung und gemäß ihren Werten sprach [08:38]. Die Tatsache, dass ihr diese „etwas emotionale Bemerkung” so schwer angelastet wird, gibt ihr im Nachhinein Recht, dass sie Emotionen immer zurückhielt [08:51]. Sie fragte sich, was sie sonst hätte sagen sollen: „Hätten wir sagen sollen: ‚Wir schaffen das nicht’?” [09:03]. Sie hielt sich an die bestehenden Gesetze, die Menschen in Not helfen [09:07]. Ihre Familiengeschichte, in der ihre Großmutter den Zweiten Weltkrieg und Bombenangriffe erlebte und fliehen musste, wird dabei eine Rolle gespielt haben [09:13]. Dies zeigt, dass auch die Deutschen selbst Millionen von Flüchtlingen gekannt haben [09:36].

Distanz zum Volk und zur internationalen Politik [09:55] Merkel hatte wenig „Feeling“ für das Volk [09:55]. Die Hierarchie zwischen Politik und Bürgern ist in Deutschland viel größer als in den Niederlanden, und Merkel war keine „Menschenfreundin” wie Rutte [10:18]. Ihre größte Stärke lag nicht im einfachen Umgang mit Menschen, sondern in ihrer Standhaftigkeit [10:28].

Begegnung mit Putin und Hunden [10:41] Auch in der internationalen Politik wurde es ihr nicht leicht gemacht [10:38]. Ein bekanntes Beispiel ist ihre Begegnung mit Putin, bei der Putin ihr einen Hund vor die Füße warf [10:41]. Merkel hatte große Angst vor Hunden, und Putin wusste das [10:50]. Nagel findet es beeindruckend, wie Merkel damit umgegangen ist, weil sie nicht sofort reagiert hat, sondern dennoch die Antwort gegeben hat, dass es sich um eine bewusste Provokation handelte [11:02].

Ulrike in de studio van
Ulrike Nagel im Studio von „Tijd voor Max”
Hintergrund ↴

In „In Freiheit” beschreibt Angela Merkel den Alltag im Kanzleramt, aber auch die sehr dramatischen Tage und Nächte, in denen sie in Berlin, Brüssel und anderswo Entscheidungen mit großer Tragweite treffen musste. Sie skizziert, wie sich die internationale Zusammenarbeit im Laufe der Jahre verändert hat und unter welchem Druck Politiker heute stehen, wenn sie nach Lösungen für komplexe Probleme in einer globalisierten Welt suchen. Sie nimmt uns mit hinter die Kulissen der internationalen Politik und zeigt, welche Bedeutung persönliche Gespräche haben können – und wo ihre Grenzen liegen.

Zu Gast: Gertjan Verbeek, Teus Lebbing, Ulrike Nagel, Karin Bloemen.

Auf 700 Seiten beschreibt Merkel ihre Jugend in der DDR, ihren Aufstieg in der Politik und die zahlreichen Entscheidungen, die sie getroffen hat. Vor allem auf Letzteres wartet das politische Berlin seit Monaten gespannt. In dem Buch wird deutlich, dass Merkel zu all ihren Entscheidungen steht. Von Nord Stream bis „wir schaffen das”, von der Euro- bis zur Ukraine-Krise: Merkel verteidigt ihr politisches Erbe und bereut nichts ausdrücklich. Bis auf eine einzige Entscheidung in der Coronakrise.

Boek Freiheit van Angela Merkel
Buch Freiheit von Angela Merkel

So verteidigt die CDU-Politikerin ihre Haltung gegenüber Russland, mit dem sie eine gute Beziehung anstrebte. Merkel schreibt, sie habe Verständnis für osteuropäische Länder, die nicht in bessere Beziehungen zu Russland investieren wollten, aber „sie schienen sich zu wünschen, dass das Land einfach verschwinden würde. Aber Russland mit seinen Atomwaffen existierte. Es war und ist geopolitisch unverzichtbar.”

Merkel verteidigt auch ihre Blockade eines raschen NATO-Beitritts der Ukraine und Georgiens im Jahr 2008 mit dem Verweis auf eine mögliche militärische Reaktion Russlands. Diese Entscheidung wurde nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine kritisiert, aber Merkel steht weiterhin unerschütterlich dahinter. Dabei betont die ehemalige Kanzlerin auch die eigenen Sicherheitsinteressen. „Ein neues Mitglied muss nicht nur Sicherheit für dieses Land bringen, sondern auch für die NATO selbst.“

Sie steht auch weiterhin hinter dem Bau der umstrittenen Nord Stream-Gaspipelines. „Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine wurde mir stärker als je zuvor vorgeworfen, ich hätte Deutschland in unverantwortlicher Weise von russischem Gas abhängig gemacht”, schreibt sie und erklärt anschließend, dass Alternativen teurer gewesen wären und Deutschland gerade aus der Kernenergie aussteigen wollte. Sie schreibt auch, dass Länder wie Polen und die Ukraine nicht unbedingt gegen russisches Gas gewesen wären, wenn die Pipelines durch ihr Gebiet verlaufen hätten.

Über den Titel ihres Buches „Freiheit“ äußert sich Merkel am deutlichsten im Nachwort. Sie versucht, die Bedeutung des Begriffs neu zu definieren: „Wahre Freiheit ist nicht nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet, sie kennt Hemmungen und Skrupel. Wahre Freiheit ist nicht nur die Freiheit von etwas – von Diktatur und Ungerechtigkeit –, sondern zeigt sich in der Verantwortung für etwas: für den Mitmenschen, für die Gesellschaft, für unsere Gemeinschaft.”

Link: NPO Start

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Tijd voor MAX ist eine Live-Fernsehsendung von Omroep MAX. Die Sendung wird von Martine van Os und Sybrand Niessen moderiert. Die Sendung wird werktags von 17:10 bis 17:55 Uhr auf NPO 1 ausgestrahlt. Tijd voor MAX behandelt verschiedene Themen wie Gesundheit und Prävention, Verbraucherfragen, Lifestyle und aktuelle gesellschaftliche Themen. Täglich ist ein (bekannter) Gast zu Gast, der sich zu diesen Themen äußert.