In Berlin weiß man das nie so ganz genau.
Ist es Kunst?
Geschichte?
Oder Marketing?

Berlin ist keine schöne Stadt. Kein Disney. Eine Stadt, die sich ständig und unaufhörlich im Wandel befindet. Eine Stadt im Werden. Und wenn etwas fertig ist, wird es wieder in Frage gestellt und 20 Jahre später wieder abgerissen. Oder 40. Das ist hier möglich.
In den letzten Tagen sind nicht nur die deutschen, sondern auch die internationalen Zeitungen voll mit Artikeln über „DIE Mauer“. Die Autoren dieser Beiträge sprechen von der East Side Gallery, auf Twitter und Facebook auch liebevoll als ESG abgekürzt. Das klingt fast wie eine neue Partypille.
Sie liegt gleich um die Ecke bei mir, mit dem Fahrrad nicht einmal 10 Minuten entfernt. Ich komme nicht so oft dorthin, fahre nur daran vorbei. Und das liegt daran, dass ich diesen insgesamt 1,3 Kilometer langen Abschnitt gar nicht so besonders finde.
Vielleicht, weil ich mich an dieses Stück Mauer noch als ein graues Stück hinter der Warschauer Straße erinnere. Ich weiß natürlich wenig über diese Zeit, aber ich weiß, dass dieser lange Abschnitt, hinter dem sich die Spree verbirgt, nicht immer so grell und farbenfroh war wie heute. Meine Erinnerung mag trügerisch sein; das ist oft so. Denn vor 1990 kam ich eigentlich kaum an die Warschauer Straße. Ich stieg dort nicht aus, weil dort keine Freunde wohnten und weil meine Eltern dort nicht arbeiteten – zwei wichtige Voraussetzungen, um als Berliner Kind irgendwohin zu gehen.
Das bedeutet, dass ich diesen Grenzabschnitt erst gesehen haben kann, als es tatsächlich einen Grund gab, dort vorbeizukommen. Ein Schulausflug? Umsteigen in die U-Bahn? Der Kalte Krieg und die Mauer sorgten dafür, dass man an dieser Station erst 1995 wieder die U-Bahn (in Richtung Westen) nehmen konnte. Aber da muss es schon längst Graffiti gegeben haben.

Mit der Zeit verblassten die ursprünglichen Kunstwerke. Und so übermalten fast alle diese internationalen Künstler sie noch einmal. Auch Materialien aus der DDR hatten nie eine besonders lange Lebensdauer, und so zerfielen auch die Steine langsam. Es folgte eine Restaurierung. Historische Steine, mit neuer Kunst und auch neuem Beton. Und neuen Touristen. Die meiner Meinung nach heute oft keine Ahnung mehr haben, dass auf dieser Seite einst alles grau war.
Geschichte ist zur Kunst geworden. Und ja, die Mauer stand hier wirklich. Aber was man heute sieht, hat kaum noch etwas mit der echten Grenze zu tun, die aus zwei Mauern bestand, dazwischen ein Todesstreifen mit Sand, Wachtürmen und patrouillierenden Soldaten. (Wenn man wissen möchte, wie das wirklich aussah, muss man ins Dokumentationszentrum an der Bernauer Straße gehen, dort werden Filmaufnahmen aus einem Hubschrauber gezeigt, der 1990 und 1991 über den gesamten Mauerstreifen geflogen ist und so den Verlauf der Berliner Mauer für immer festgehalten hat.)
Dennoch ist die East Side Gallery ein Denkmal. Offiziell. Von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt, bereits 1991.
Auch deshalb ist es seltsam, dass nun unangekündigt Löcher hineingesägt werden.
Dennoch finde ich die Aufregung übertrieben. Es geht um ein 19 Meter langes Stück. Und die Stadt hat bessere Beispiele für ihre Geschichte. Die Bernauer Straße. Der Wachturm, der versteckt hinter dem Potsdamer Platz steht (man muss ein bisschen suchen). Die Abschnitte des Todesstreifens, die sich durch weite Teile der Stadt ziehen, allerdings außerhalb des Zentrums. Dorthin, wo die meisten Touristen nicht kommen.
Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Wo viele Touristen hinkommen, wird viel saniert und viel angepasst. Denn man will doch etwas Schönes präsentieren? Man will doch eine schöne Stadt liefern? Auf dem Silbertablett? Deshalb ist das Brandenburger Tor jetzt weißer denn je. Deshalb wird jetzt ein neues Stadtschloss gebaut. Weil der Palast der DDR an derselben Stelle zu hässlich war. Deshalb steht am Checkpoint Charlie ein nachgebautes Grenzwächterhäuschen. Mit nachgebildeten Sandsäcken. Und nachgebildeten Soldaten. Deshalb ist die East Side Gallery jetzt fröhlicher denn je. Mit kurzgeschnittenem, glattem Rasen dahinter. Und deshalb ist Berlin mittlerweile doch ein bisschen wie Disney. Man beachte nur Mickey Mouse auf dem Pariser Platz. (Und Darth Vader, den habe ich auch schon gesehen. Wirklich.)
Berlin erzählt genug Geschichten aus der Vergangenheit. An zahlreichen Orten, vor allem an den nicht sanierten. Den kaputten und heruntergekommenen. Die East Side Gallery ist definitiv eine Sehenswürdigkeit. Aber nicht die einzige. Und kein Allheilmittel.
Ich hoffe immer wieder, dass die internationalen Stadtführer das auch wissen. Und es an die Touristen weitergeben. Aber auch an die Journalisten, die jetzt darüber schreiben.

