Auf Radio 1: Das wiedervereinigte Deutschland, 35 Jahre nach der Wende

Am 9. November ist es genau 35 Jahre her, dass die Berliner Mauer fiel. An diesem herbstlichen Novemberabend 1989 öffnete die DDR – zwar nach wochenlangen Massenprotesten, aber dennoch ziemlich plötzlich – die Grenzen zwischen Ost- und West-Berlin. Dies war der historische Startschuss für die Wiedervereinigung des jahrzehntelang geteilten Deutschlands.

Mittlerweile ist die Mauer schon seit 35 Jahren weg, aber die Unterschiede zwischen Ost und West sind immer noch groß. Gleichzeitig scheinen die Wahlergebnisse Deutschland manchmal erneut zu spalten, und radikale Stimmen gewinnen in den letzten Jahren zunehmend an Boden. Und das, obwohl diese Woche auch noch die deutsche Regierung gestürzt wurde und die Deutschen vorzeitig zur Wahlurne gehen dürfen.

Wie steht unser Nachbarland 35 Jahre nach dem Fall der Mauer da? Was sehen wir heute noch von dieser Wende? Und wie lebt der Eiserne Vorhang vielleicht noch immer in den Herzen und Köpfen unserer östlichen Nachbarn weiter? Coen Verbraak spricht darüber in De Publieke Tribune mit Experten und Augenzeugen aus Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung.

Zu Gast: Anja Fricke, Ulrike Nagel und Hanco Jürgens

Moderation: Coen Verbraak

Zeitstempel ↴

00:00 Radio 1, Coen Verbraak
02:06 Hanco Jurgens
03:23 Ulrike Nagel
04:54 Anja Fricke
05:18 Hanco Jurgens
07:15 Anja Fricke
09:05 Ulrike Nagel
10:45 Hanco Jurgens
11:59 Günther Schabowski
12:20 Hanco Jurgens
13:48 Ausschnitt
14:29 Ulrike Nagel
16:43 Anja Fricke
20:02 Ulrike Nagel
20:42 Anja Fricke
21:23 Ulrike Nagel
22:15 Anja Fricke
22:39 Hanco Jurgens
24:39 Ulrike Nagel
26:40 Hanco Jurgens
30:01 Anja Fricke
30:46 Ulrike Nagel
33:18 Anja Fricke
35:39 Ulrike Nagel
41:11 Hanco Jurgens
44:45 Anja Fricke
45:07 Hanco Jurgens
45:42 Ulrike Nagel
47:20 Anja Fricke

Zusammenfassung des Gesprächs ↴

Die Journalistin Ulrike Nagel, die Kulturwissenschaftlerin Anja Fricke und Hanko Jürgens vom Deutschland-Institut diskutieren in der „Publieke Tribune” über den Fall der Berliner Mauer vor 35 Jahren und dessen Folgen für das wiedervereinigte Deutschland.

  • Der Fall der Mauer und die aktuelle politische Krise [01:09]: Der Fall der Mauer vor 35 Jahren markierte den Beginn der deutschen Wiedervereinigung, aber die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach wie vor groß. Aktuell ist der Sturz der deutschen Koalition, bei dem Bundeskanzler Scholz den Finanzminister entlassen hat. Jürgens bezeichnet dies als „unerwartet, aber doch zu erwarten” [01:59]. Nagel verbindet die aktuelle politische Krise mit dem Wahlsieg von Trump und der Spaltung in Deutschland, wo extreme Flügel durch eine „stille” Mitte viel Aufmerksamkeit erhalten [03:15]. Sie ist besorgt über das hohe Ergebnis der AfD und die Art und Weise, wie die etablierten Parteien und Medien damit umgehen [04:14].
  • Die Mitte und wirtschaftliche Konzepte [05:05]: Jürgens betont die Frage „Wo ist die Mitte geblieben?” und stellt fest, dass es der Mitte seit der Kreditkrise nicht gelungen ist, neue wirtschaftliche Konzepte zu finden. Die bevorstehenden Wahlen in Deutschland sind angesichts der Debatte über Investitionen und das Festhalten an der „Schuldenbremse” entscheidend für die Zukunft Europas [05:52].
  • Erinnerungen an die Wende [07:04]: Anja Fricke, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls 11 Jahre alt war, schlief während dieses Moments, erinnert sich aber daran, dass der nächste Morgen radikal anders war. Sie erzählt von ihrem Sportlehrer, der plötzlich verschwunden war [07:44]. Ulrike Nagel (10 Jahre alt) erinnert sich vor allem an die materiellen Veränderungen: die Möglichkeit, eine Barbie zu kaufen, und die Fülle westlicher Produkte in West-Berlin, das wie ein Paradies aus Kaffee und Haribo Goldbären duftete [09:08].
  • Die Mauer fiel zu früh [10:43]: Hanko Jürgens erklärt, dass die Mauer aufgrund eines Missverständnisses bei einer Pressekonferenz des Politbüromitglieds Günter Schabowski, der sagte, dass die Reiseregelung „sofort” in Kraft trete, „zu früh” fiel. Das westdeutsche Fernsehen spielte eine große Rolle bei der Verbreitung dieser Nachricht, woraufhin die Menschen massenhaft zu den Grenzübergängen strömten und der Grenzpfahl an der Bornholmer Straße geöffnet wurde [10:49].
  • Leben nach dem Fall der Mauer [13:21]: Nagel sah, wie sich die Stadt mit Videotheken und einem neuen Sortiment in den Supermärkten schnell veränderte. Auch die Bibliotheken wurden mit leichterer westlicher Literatur gefüllt, beispielsweise mit Büchern von Enid Blyton [32:37]. Fricke erinnert sich an die größte Veränderung als die Massenarbeitslosigkeit, darunter auch die ihres Bruders [33:15]. Ulrike landete nach einem Urlaub in Spanien in den Niederlanden, getrieben von dem Wunsch zu reisen, den ihre Eltern nicht hatten [35:35].
  • Erforschung der Jugend [15:46]: Ulrike Nagels Podcast „Over de Muur” (Über die Mauer) untersucht ihre eigene Jugend in der DDR und die Sechserkultur in den Niederlanden, die sie nicht teilt [16:12]. Sie führte Gespräche mit ihren Eltern und Freundinnen, wobei sich herausstellte, dass Deutsche zurückhaltender sind, wenn es darum geht, über die Vergangenheit zu sprechen. Nagel fühlte sich unbehaglich, als sie ihren Vater kritisch zur DDR befragte, für die er nicht viel Kritik übrig hatte. Sie untersucht auch eine mögliche Stasi-Akte ihres Großvaters, was zeigt, wie wenig innerhalb von Familien über die Vergangenheit gesprochen wurde [36:20].
  • Die DDR in der Gegenwart [41:05]: Hanko Jürgens behauptet, dass die DDR immer noch „in den Köpfen der Menschen” existiert. Große Umbrüche und Massenentlassungen nach der Wende haben zu einer „Globalisierungsangst” und „Transformationsmüdigkeit” geführt. Aktuelle Krisen wie Covid-19 lösen alte Gefühle der Unterdrückung und des Misstrauens gegenüber der Regierung aus [41:21]. Es bestehen weiterhin große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, beispielsweise in der Einstellung zum Krieg in der Ukraine, was die AfD für Kampagnen wie #nichtunserkrieg nutzt [43:04].
  • Unvollendete Einheit [44:43]: Anja Fricke und Ulrike Nagel sind froh, dass die DDR nicht mehr existiert, betonen jedoch, dass die Aufarbeitung und die Gleichstellung zwischen Ost und West noch nicht abgeschlossen sind, was sich in den Renten, den Führungspositionen und dem Gefühl, vom Westen „eingegliedert” worden zu sein, zeigt [45:56]. Das Gespräch zeigt, wie offen die beiden ostdeutschen Frauen in den Niederlanden darüber sprechen können, was in Deutschland immer noch ein sensibles Thema ist [47:22].
Ulrike Nagel op Radio 1 in het programma Publieke Tribune over 35 jaar na de val van de muur.
Ulrike Nagel im Radio 1 in der Sendung „Publieke Tribune” über 35 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Links: NPO Radio 1Human

Coen Verbraak radioprogramma De Publieke Tribune

In De Publieke Tribune hören Sie jeden Samstagnachmittag auf Radio 1 die beeindruckendsten Geschichten aus den Kapillaren der Gesellschaft. Unter der Leitung von Coen Verbraak teilen jede Woche neue Gäste ihre Erfahrungen zu gesellschaftlichen Themen, die sie beschäftigen oder in ihrem täglichen Leben behindern.