Radio 1: Das Vermächtnis von Angela Merkel, Kind der DDR

Diese Woche erscheinen die Memoiren von Angela Merkel: das Leben der einst mächtigsten Frau Deutschlands, in ihren eigenen Worten, auf über 700 Seiten. Dass „Mutti” Angela Merkel einen großen Einfluss auf die Weltpolitik hatte, ist unbestritten. In ihren Memoiren schreibt sie ausführlich über Putin, den Papst und ihre Begegnungen mit Donald Trump. Aber wie hat ihre ostdeutsche Jugend ihre Politik beeinflusst? Und was hat sie, abgesehen von „wir schaffen das”, als Vermächtnis in Deutschland selbst hinterlassen? Zu Gast ist Ulrike Nagel, Deutschland-Experte und selbst in Ostdeutschland aufgewachsen – worüber sie den Podcast „Over de Muur” (Über die Mauer) gemacht hat, der auf NPO Luister und Spotify zu finden ist.

Zusammenfassung des Gesprächs ↴

Die Journalistin Ulrike Nagel diskutiert im „Vroege podcast“ auf NPO Radio 1 die Memoiren und das Vermächtnis von Angela Merkel, mit besonderem Augenmerk auf ihre ostdeutsche Jugend und deren Einfluss auf ihre Politik.

  • Begegnung mit Merkel [01:02]: Ulrike Nagel wurde erst in ihren Zwanzigern auf Merkel aufmerksam, als diese zum ersten Mal zur Wahl antrat. Die Tatsache, dass Merkel Ostdeutsche und eine Frau in der von Männern dominierten westdeutschen Politik war, beeindruckte Nagel, die sogar für sie stimmte, obwohl sie nicht ihrer politischen Richtung angehörte [01:35].
  • Merkels Jugend und Persönlichkeit [02:11]: Nagel interessiert sich vor allem für Merkels Jugend in der DDR und wie diese sie geprägt hat. Merkel, 25 Jahre älter als Nagel, war erwachsen, als die Mauer fiel [02:44]. Merkel war bekannt dafür, zurückhaltend und strategisch zu sein. Sie lernte früh, dass alles, was man in der Politik sagt, verdreht werden kann, und entwickelte einen „Schalter”, um Emotionen auszuschalten, um in der Männerwelt der Politik zu überleben [04:11].
  • „Living On The Edge” in der DDR [06:03]: Merkels Aussage, dass es in der DDR „die wahre Kunst des Lebens war, herauszufinden, wo deine Grenzen lagen”, wird von Nagel bestätigt. Schon als Kind wusste man, welche Regeln es gab, wie zum Beispiel das Verbot von Markenkleidung in der Schule [06:37]. Merkels Hintergrund als Tochter eines Pastors in der DDR, ein ungewöhnlicher Schritt für eine christliche Familie, verschaffte ihr einen Platz in der tolerierten Kirche, die später zu einem Zufluchtsort für Proteste wurde [08:05]. Merkel entschied sich für ein Physikstudium, weil „zwei mal zwei auch in Ostdeutschland einfach vier war” [10:07], vermutlich um politischer Indoktrination zu entgehen.
  • Entstehung der Memoiren [12:48]: Die Memoiren entstanden in Zusammenarbeit mit einer Vertrauten, Beate Bouwman. Der Prozess war sehr exklusiv, ohne Vorabveröffentlichungen, und hat durch gegenseitige Überbietungen der Verlage schätzungsweise mehr als 10 Millionen Euro eingebracht [13:26]. Merkel behält die Kontrolle über die Veröffentlichung und wird Interviews mit Weltpolitikern wie Barack Obama geben [14:19].
Ulrike Nagel op Radio 1 - Vroeg - over Angela Merkel
Ulrike Nagel auf Radio 1 – Vroeg – über Angela Merkel
  • Kollektivismus vs. Individualismus [15:51]: Die ostdeutsche Erziehung legte den Schwerpunkt auf die Gruppe und kollektive Leistungen, im Gegensatz zum westdeutschen Individualismus. Nagel nennt als Beispiel das Sammeln von Flaschen für die Schulgemeinschaft [19:11]. In ihrer politischen Karriere hat Merkel jedoch oft für sich selbst entschieden, um ihre Ziele zu erreichen [23:34]. Sie ließ den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl während eines Skandals fallen, was Kohl als Streben nach Macht interpretierte [23:52].
  • Kritik an Merkels Vermächtnis [30:39]: Nach ihrem Rücktritt wird Merkels Vermächtnis zunehmend kritisch betrachtet, insbesondere ihre „Wir schaffen das”-Politik während der Flüchtlingskrise 2015 und ihre Beziehung zu Putin, in deren Rahmen sie die Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 genehmigte [32:50]. Ihr wird vorgeworfen, zu wenig in Infrastruktur und Digitalisierung investiert zu haben [32:19].
  • Distanz zum Volk [35:14]: Kritikern zufolge war Merkel zu klug und intellektuell, wodurch sie weniger Bezug zu den einfachen Menschen hatte. Die Hierarchie in der deutschen Politik ist viel größer als in den Niederlanden, und Politiker sind weniger zugänglich [36:45]. Merkel konnte ihre Politik und ihre Strategien dem Volk nicht gut erklären, was zu Frustration führte. Dies steht im Gegensatz zu niederländischen Politikern wie Rutte, die einen direkteren Kontakt zur Bevölkerung suchen [37:30].
  • Popularität und Wandel [39:10]: Merkel war anfangs sehr beliebt, aber ihre Popularität nahm ab. Dies hängt mit den großen Veränderungen nach dem Fall der Mauer zusammen, als die Ostdeutschen ihr Leben neu erfinden mussten [39:22], und mit dem gesellschaftlichen Wandel hin zu einer größeren Wertschätzung für menschliche Politiker [43:27].
  • Deutschland nach Merkel [44:10]: Nach Merkels Rücktritt brach eine Reihe von Krisen aus. Ihr wird vorgeworfen, zu wenig innovativ gewesen zu sein und zu wenig über die Zukunft nachgedacht zu haben. Trotz der Kritik war sie ein Symbol für Stabilität und eine angesehene Weltpolitikerin [46:12].
  • Frauen und Vorbildfunktion [27:17]: Auf die Frage, ob Merkel ein Vorbild für junge Frauen ist, antwortet Nagel, dass Merkel nicht explizit feministisch war und ihre Weiblichkeit nicht betont hat. Sie hat die Position einer Frau an der Spitze normalisiert, indem sie es einfach getan hat, ohne viele Worte darüber zu verlieren [29:20].

Link: NPO Radio 1

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Moderiert von: Anna Pleijsier. Jeden Werktag zwischen 5 und 6 Uhr startet BNNVARA den Tag mit der Morgensendung „Vroeg!”. Merel Wielaert lädt jeden Tag einen Gast ein, der mit den Zuhörern einen Ausblick auf ein aktuelles Thema gibt. Die Zuhörer können über die NPO Radio 1-App mitdiskutieren.