Journalistin | Redakteurin | Moderatorin | Niederlande-Expertin / Korrespondent | in Hilversum & Berlin
Ulrike Nagel bei „Pauw en de Wit“ über die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Ulrich Siegmund
Im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt durften die Einwohner heute an die Urnen gehen, und ganz Deutschland verfolgt die Wahl gespannt. Die rechtsextreme AfD steuert auf ihr bestes Ergebnis aller Zeiten zu und hat sogar Chancen auf eine absolute Mehrheit. Damit könnte die Partei zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem deutschen Bundesland allein regieren. Warum ist die AfD gerade hier so beliebt? Und was bedeutet ein möglicher Sieg für die deutsche und europäische Politik? Wir diskutieren darüber mit der Journalistin Ulrike Nagel und der außenpolitischen Sprecherin der D66, Hanneke van der Werf.
Im Mittelpunkt der Sendung steht das sensationelle Wahlergebnis im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Die rechtsextreme Partei AfD (Alternative für Deutschland) hat dort unter der Führung ihres Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund mit rund 44 % der Stimmen einen beispiellosen Sieg errungen [00:02:05]. Damit ist die Wahrscheinlichkeit plötzlich groß, dass zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder eine rechtsextreme Partei in Deutschland regieren wird [00:00:55].
Ulrike Nagel spricht über die Wahlen in Sachsen-Anhalt, bei denen die AfD einen großen Sieg errungen hat.
Einblicke von Ulrike Nagel & Arend Jan Boekestijn [00:02:05]
Die Deutschland-Expertin Ulrike Nagel, die selbst in der Region aufgewachsen ist, war von dem Ergebnis schockiert, da es noch höher ausfiel als vorhergesagt. Sie beschreibt die enorme Spaltung in der Region: Die eine Hälfte der Bevölkerung ist froh und hofft auf Veränderung, während die andere Hälfte fassungslos zusieht [00:02:18]. Nagel veranschaulicht dies anhand einer WhatsApp-Nachricht ihrer eigenen Mutter: *„Wir schämen uns“* [00:02:12].
Laut Nagel und dem Journalisten Arend Jan Boekestijn spielen folgende Faktoren bei diesem Ergebnis eine große Rolle:
Tiefsitzende Frustration und Benachteiligung: Viele Ostdeutsche (die „Ossis“) fühlen sich seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wie Bürger zweiter Klasse behandelt [00:03:40]. Nach dem Fall der Mauer wurden Spitzenpositionen, wie beispielsweise die der Universitätsdirektoren, mit Westdeutschen besetzt [00:03:54]. Dieses Gefühl, vom Westen benachteiligt zu werden, sitzt noch immer sehr tief [00:04:34].
Emotionen haben Vorrang vor Fakten: Obwohl die Region enorm saniert wurde und die Arbeitslosigkeit von 20 % in den 90er Jahren auf heute 8 % gesunken ist, haben die Menschen das vergessen und der Groll überwiegt [00:05:32]. Die AfD gewinnt daher nicht aufgrund von Argumenten, sondern allein aufgrund des Gefühls der Benachteiligung [00:03:28].
Das Paradoxon der Migration: Die Wähler beschweren sich häufig über Muslime, obwohl diese in der Region kaum leben [00:05:04]. Gleichzeitig kommt die von der Überalterung betroffene Region nicht ohne Migranten aus; ohne die 15 % Migranten, die dort derzeit als Ärzte arbeiten, hätte die Region ein riesiges Problem in der Gesundheitsversorgung [00:02:57].
Ulrike Nagel spricht über die Wahlen in Sachsen-Anhalt, bei denen die AfD einen großen Sieg errang.
Sorgen um die Demokratie und die Geopolitik [00:05:57]
Die D66-Abgeordnete Hanneke van der Werf bezeichnet das Wahlergebnis als sehr besorgniserregend. Sie warnt davor, dass Deutschland ein entscheidender Partnerstaat ist und dass die AfD die europäische Zusammenarbeit beenden und stattdessen die Beziehungen zu Russland vertiefen will [00:06:15]. Sie weist zudem darauf hin, dass die Partei von den Geheimdiensten teilweise als rechtsextrem eingestuft wird, einschließlich Verbindungen zu Neonazis und Holocaustleugnern [00:16:04].
Die Diskussion über das „Cordon sanitaire“ [00:15:50]
Im Gespräch wird auf Joost Eerdmans (JA21) Bezug genommen, der am selben Morgen dafür plädiert hatte, dass die Parteien das *Cordon sanitaire* um die AfD aufheben sollten, da eine Ausgrenzung die Partei nur noch größer machen würde.
Van der Werf lehnt diesen Vorschlag entschieden ab. Ihrer Meinung nach normalisiert man die extremistischen Elemente der Partei, wenn man die Türen für eine Zusammenarbeit öffnet, und verschiebt damit die gesamte politische Mitte nach rechts [00:16:55]. Sie zieht eine Parallele zur niederländischen Politik: Als die VVD der PVV die Tür öffnete, führte dies unmittelbar zu einem Rekordwahlergebnis für die PVV [00:17:19].
Das Gespräch endet mit einer düsteren geopolitischen Warnung des Tischgastes Mart, der feststellt, dass Putin sich ohnehin über dieses Wahlergebnis freut. Die Unterstützung Europas für die Ukraine ist entscheidend, und wenn diese durch solche Wahlergebnisse in großen Ländern wie Deutschland und Frankreich ins Wanken gerät, hat nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa ein großes Problem [00:17:46].