In dieser Folge von „NOS Met het Oog op Morgen“ diskutiert Moderatorin Elisabeth Steinz [01:08] gemeinsam mit der Ostdeutschland-Expertin und Journalistin Ulrike Nagel [01:36] sowie dem Historiker Dirk Rochtus [04:00] den Vormarsch der rechtsextremen Partei AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.
1. Die Popularität des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund
[01:46] Zugängliches Image: Siegmund (geb. 1990) wird als eine Art Popstar-Politiker mit breitem Lächeln und Fanartikeln dargestellt.
[02:15] Direkter Kontakt: Er sucht den direkten Kontakt zu den Wählern auf der Straße und zeigt Verständnis für deren alltägliche Sorgen.
[02:50] Auf Stimmungen eingehen: Er tritt in die Fußstapfen seines Parteikollegen Björn Höcke, indem er in seinem Wahlkampf aktiv auf nostalgische Gefühle eingeht.
2. Das Phänomen „Ostalgie“ als Wahlkampfwaffe
[02:35] Sehnsucht nach früher: Die AfD nutzt die Ostalgie – Nostalgie und Heimweh nach dem Alltag in der ehemaligen DDR – strategisch.
[03:03] DDR-Ikonen: Dies geschieht unter anderem durch das Zeigen beliebter alter DDR-Ikonen, wie zum Beispiel des bekannten Simson-Mopeds.
[03:26] Gemeinsame Erinnerungen: Nagel erklärt, dass der chronische Mangel an Auswahlmöglichkeiten und Materialien in der DDR damals für ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Solidarität sorgte. Die Menschen halfen sich gegenseitig beim Reparieren von Gegenständen und teilten beispielsweise Ersatzteile [07:13]. Auch sammelten Kinder gemeinsam Altpapier und Glas für die Klassenkasse [08:24].
[03:45] Ausnutzung von Emotionen: Laut Nagel nutzt die AfD dieses Gefühl der Geborgenheit und die Schaffung eines „Heimatgefühls“ aus, um Wähler an sich zu binden.
3. Politischer Wandel: von der extremen Linken zur radikalen Rechten
[05:07] Enttäuschung nach der Wende: Nach der Wiedervereinigung 1990 sorgten massive Privatisierungen, der Abbau der DDR-Industrie und hohe Arbeitslosigkeit für tiefe Frustration in Ostdeutschland.
[05:30] Der linke Protest: Diese Unzufriedenheit schlug sich zunächst jahrelang in Stimmen für die radikal-linke Partei PDS (später „Die Linke“) nieder.
[05:56] Teil des Establishments: Da „Die Linke“ in verschiedenen Bundesländern an der Regierung teilnahm, verlor sie für viele Wähler ihre Rolle als echte Protestpartei.
[06:36] Der Wechsel nach rechts: Ab 2015 übernahm die AfD die Rolle der ultimativen Protestpartei, unter anderem dadurch, dass sie erfolgreich auf die Migrationskrise reagierte.
[10:00] Widerstand gegen Bevormundung: Rochtus betont, dass die ostdeutsche Stimme für die AfD teilweise ein rebellischer Protest („eine rebellische Seite“) gegen die Regierung ist; die Wähler fühlen sich vom Westen bevormundet und fordern grundlegende Veränderungen [11:34].

4. Das Paradoxon des AfD-Wählers
[08:42] Vergessene Unterdrückung und Verfall: Nagel merkt an, dass viele Menschen die politische Unterdrückung (etwa durch die Stasi) offenbar vergessen haben. Sie vergessen auch, dass das Land 1989 physisch „in Trümmern“ lag.
[08:58] Materieller Fortschritt: Die Region hat seit dem Fall der Mauer materiell gesehen enorme Fortschritte gemacht, und die Innenstädte wurden wunderschön auf Vordermann gebracht. Dennoch empfindet man dies in sozialer Hinsicht anders.
[10:33] Widersprüchliches Wahlverhalten: Es herrscht ein Paradoxon: Die Wähler protestieren gegen die „Bevormundung“ durch die derzeitige Regierung, wählen aber eine Partei, die selbst von oben herab sehr viel vorschreiben will.
[10:48] Strenge Maßnahmen: Die AfD plädiert in der Praxis für eine zwingende Politik, wie zum Beispiel das obligatorische Hissen der Flagge an Schulen, die Trennung von Migrantenkindern und Kindern mit Behinderung im Bildungswesen [10:58] sowie eine streng vorgeschriebene „deutsche“ Kulturpolitik [11:09].
[11:51] Wandel vor Inhalt: Rochtus stellt fest, dass die Wähler dem Drang nach Veränderung und dem Aufbrechen des Status quo („aufräumen“) mehr Gewicht beimessen. Kaum jemand liest tatsächlich das 200 Seiten starke Parteiprogramm, um diese strengen Standpunkte zu entdecken.