Die rechtsextreme AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt: „Das hängt mit der Angst vor der Zukunft zusammen“

Die AfD verfehlte bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt knapp die absolute Mehrheit. Die Sicherheitsbehörden haben die AfD in diesem Bundesland bereits vor Jahren als rechtsextrem eingestuft. In den ersten hundert Tagen verspricht die AfD im Bundesland, dass Asylkinder in separate Klassen verlegt werden, dass die Regenbogenfahne an Schulen verboten wird und dass Fördermittel für „antideutsche“ Kultur gestrichen werden. „Wenn die Demokratie nicht hält, was sie verspricht, suchen die Menschen nach Alternativen, auch nach gefährlichen Alternativen“, sagt René Cuperus, Politikwissenschaftler und Forscher zum Thema Populismus am Clingendael-Institut, bei „Spraakmakers“.

Angst vor der Zukunft

Cuperus skizziert, dass die Partei vor allem Stimmen von Jugendlichen und Arbeitern gewonnen hat. „Das hängt mit der Angst vor der Zukunft zusammen. Viele Arbeitsplätze in der Fertigung verschwinden, und Wissensberufe werden von KI übernommen.“ Außerdem machen sich die Menschen Sorgen um die Migration, stellt er fest.

Führung

Zudem sieht Cuperus, dass die „schlechte Leistung“ anderer deutscher Parteien eine Rolle spielt. „Merz ist der unbeliebteste Bundeskanzler Deutschlands. Und wenn die Demokratie nicht liefert, suchen die Menschen nach Alternativen, auch nach gefährlichen Alternativen.“ Deshalb glaubt Cuperus, dass die Lösung in einer besseren Regierungsführung und in Parteien liegt, die im Interesse des Landes und weniger im Interesse der Partei regieren.

Ulrike Nagel mit Kopfhörern und rotem Pullover spricht in das Mikrofon der Sendung „Spraakmakers“ auf NPO Radio 1, wobei in der Einblendung „Deutschland-Expertin“ steht.
Ulrike Nagel im Radio in der Sendung „Spraakmakers“ auf KRO-NCRV über die Ursachen des AfD-Erfolgs in Sachsen-Anhalt.

Das Gefühl, benachteiligt zu sein

Ulrike Nagel, Journalistin und Deutschland-Expertin, stellt zudem fest, dass sich die Menschen in Ostdeutschland gegenüber Westdeutschland benachteiligt fühlen. „Die Renten sind niedriger, sie verfügen über weniger Vermögen.“ Auch die Ankunft von Flüchtlingen oder die finanzielle Unterstützung für die Ukraine spielen nach Ansicht von Nagel eine Rolle bei dem Gefühl der Benachteiligung der Einwohner.

Hörer Martin sieht Parallelen zwischen diesem Sieg der AfD und dem Sieg der NSDAP in den 1930er Jahren. „Auch diese kam durch demokratische Wahlen an die Macht. Anschließend wurde die Demokratie abgeschafft und die Diktatur errichtet. Es ist beängstigend, dass das Gedächtnis die Menschen im Stich lässt, wenn es um die Entscheidung geht, die sie jetzt in Freiheit treffen konnten.“

Collectief-Mitglied Liesbeth: „Ich finde, dass mit all diesen rechten Parteien ein besorgniserregender Weg eingeschlagen wird. Andererseits denke ich: Sollen sie es doch erst einmal beweisen. Hier in den Niederlanden haben die rechten Parteien nichts zustande gebracht.“

Zusammenfassung

Die These des Tages für das Meinungsforum Standpunt.nl lautet: „Ich mache mir Sorgen über den großen Wahlsieg der AfD in Deutschland.“ Die AfD hat einen deutlichen Sieg errungen, und die Sendung analysiert die Ursachen und Folgen davon gemeinsam mit verschiedenen Experten.

Zeitleiste und Inhalt

[00:00] – Einführung und Hintergrund Die Moderatorin eröffnet die Sendung mit den Nachrichten aus Sachsen-Anhalt. Die AfD hat dort einen Erdrutschsieg errungen – zwar knapp unter der absoluten Mehrheit, aber dennoch ausreichend, um innerhalb von 100 Tagen umstrittene, antidemokratische Maßnahmen anzukündigen (wie beispielsweise die Verlegung von Asylkindern in separate Klassen).

[01:14] – Analyse durch die Deutschland-Expertin Ulrike Nagel Ulrike Nagel ist im Studio zu Gast und erläutert den Stimmenzuwachs der AfD, der noch um 4 % höher ausfiel als erwartet. Sie erklärt, warum sich viele Wähler in Ostdeutschland dieser Partei zuwenden:

  • Benachteiligung und Armut: Ostdeutsche fühlen sich strukturell benachteiligt. Die Renten sind niedriger, und es gibt kaum angespartes Vermögen oder Wohneigentum – ein Erbe aus der kommunistischen Zeit.

  • Frustration und Unsicherheit: Nach dem Fall der Mauer mussten viele Menschen ihr Leben neu aufbauen, was oft mit Langzeitarbeitslosigkeit und Statusverlust einherging.

  • Neid gegenüber Neuankömmlingen: Es herrscht Unzufriedenheit darüber, dass für Flüchtlinge (wie 2015 und jetzt bei den Ukrainern) Geld und Aufmerksamkeit vorhanden sind, während sich die eigene Bevölkerung ignoriert fühlt.

  • Komplexe Welt: Die Welt ist komplexer geworden, und die Wähler suchen nach einfachen Antworten, wobei das Geld ihrer Meinung nach „bei uns“ bleiben muss.

[06:18] – Die Medien und der politische Schock mit Margriet Brandsma Die ehemalige Deutschland-Korrespondentin Margriet Brandsma schaltet sich telefonisch zu, um zu erörtern, wie in den deutschen und internationalen Medien reagiert wird.

  • Schock und Bestürzung: Obwohl der Gewinn vorhergesagt worden war, ist das tatsächliche Ausmaß ein schwerer Schlag für die etablierten Parteien.

  • Die Position von Friedrich Merz: Der CDU-Vorsitzende hatte zuvor versprochen, die AfD zu halbieren. Stattdessen hat sich seine eigene Partei in dieser Region halbiert, was zu heftiger Kritik in der Presse führt.

  • Radikalisierung: Brandsma betont, wie extrem der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt ist. Sprecher haben Verbindungen zu verbotenen neonazistischen Gruppierungen. Sie ist vor allem entsetzt über Programmpunkte wie separate Klassen für Flüchtlingskinder und die Ausgrenzung von Kindern mit körperlicher Behinderung.

[09:29] – Reaktion auf Hörer und die „deutsche Stimmung“ Die Moderatorin liest eine Reaktion einer Hörerin (Jantine Dijkstra) vor, die feststellt, dass Angst ein schlechter Ratgeber sei. Nagel reagiert darauf, indem sie die allgemeine Stimmung in Deutschland beschreibt.

  • Schlechte Stimmung: In Deutschland herrscht eine sehr negative Stimmung. Laut Nagel beherrschen die Deutschen „die Kunst der Leichtigkeit des Daseins“ weniger gut als beispielsweise die Niederländer. Wenn es schlecht läuft, ist alles schwer und düster.

  • Polarisierung: Menschen, die nicht die AfD wählen, sind derzeit sehr wütend und verängstigt. Die Polarisierung wird durch soziale Medien verstärkt, in denen die Menschen in ihrer eigenen alternativen Realität leben und den Bezug zur Mitte verlieren.

[11:04] – Ein breiterer politikwissenschaftlicher Blick mit René Cuperus Der Politikwissenschaftler und Populismusforscher (Clingendael) René Cuperus betrachtet die Situation aus einer breiteren Perspektive und vergleicht sie mit internationalen Entwicklungen.

  • Vergleich mit den Niederlanden: Cuperus zieht eine Parallele zu dem Schock in den Niederlanden, als die PVV zur größten Partei wurde. Seiner Meinung nach handelt es sich nicht um ein isoliertes (ost-)deutsches Problem, sondern um ein Phänomen in der gesamten westlichen Welt (auch in den USA und Frankreich).

  • Aufstand gegen das Establishment: Die Menschen wählen die AfD als Aufstand gegen die etablierte Ordnung. Dies rührt von einer doppelten Angst her: der Klimakrise einerseits und der Migrationskrise andererseits.

  • Bedrohung der Arbeiterklasse: Die „verarbeitende Industrie“ in Deutschland steht unter starkem Druck (als Beispiel nennt er den möglichen Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen bei Volkswagen). Dies trifft die Arbeiterklasse unmittelbar.

  • Warnungen zeigen keine Wirkung mehr: Cuperus stellt fest, dass es nichts mehr bringt, diese Politiker als Neonazis oder Extremisten zu bezeichnen. Das schreckt die Wähler nicht mehr ab.

  • Die Lösung: Der einzige Weg, dem entgegenzuwirken, so Cuperus, besteht darin, besser zu regieren, Versprechen einzuhalten und Probleme wie die Migration tatsächlich in den Griff zu bekommen. Wenn die Demokratie versagt, suchen die Wähler nach (gefährlichen) Alternativen.

Links: NPO Radio 1 ↗

Moderatorin mit lockigem Haar und grüner Bluse auf dem Programmplakat von „Spraakmakers“ von KRO-NCRV

„Spraakmakers“ ist die Radio-Talkshow auf NPO Radio 1. Roos Abelman und Carl-Johan de Zwart empfangen engagierte Gäste, die einen etwas anderen Blick auf das aktuelle Geschehen ermöglichen.