„Kein neues Geld für die Ukraine“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dies führte zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten in einer Koalition, die ohnehin schon für Konflikte bekannt ist. Seit Monaten gelingt es den Regierungsparteien nicht, den Haushalt für das nächste Jahr zu verabschieden, während die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten wie eine dunkle Wolke über ihnen hängen. Über diese Spannungen sprechen der Deutschlandexperte des VRT, Jeroen Reygaert, und die Journalistin und Deutschlandkennerin Ulrike Nagel.
Hintergrund ↴
In der deutschen Regierung ist ein Streit über die Waffenhilfe für die Ukraine ausgebrochen. Der liberale Finanzminister Christian Lindner hat gewarnt, dass in diesem Jahr grundsätzlich keine zusätzlichen Mittel für neue, noch nicht geplante Waffenlieferungen zur Verfügung stehen, da gespart werden muss. Die sozialdemokratische SPD von Bundeskanzler Olaf Scholz reagierte geteilt auf diese Ankündigung. Und die Grünen, die ebenfalls in der Regierung sitzen, warfen Minister Lindner vor, die Ernsthaftigkeit der geopolitischen Bedrohung nicht zu verstehen. „Frieden und Freiheit werden geopfert, um schuldenfrei zu bleiben“, spottete der grüne Bundestagsabgeordnete Robin Wagener.
Ein durchgesickerter Brief des deutschen Finanzministers hat Zweifel an der weiteren deutschen Unterstützung für die Ukraine aufkommen lassen. Bislang ist Deutschland nach den USA das Land, das der Ukraine die meiste Hilfe leistet.
Die deutsche Zeitung Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), die Einblick in den Brief, E-Mails und andere Dokumente hatte, schreibt, dass laut dem liberalen Finanzminister Lindner kein Geld mehr für neue Hilfen vorhanden ist. Die Regierung betont jedoch weiterhin, dass die Unterstützung wie gewohnt fortgesetzt wird.
Neue Maßnahmen seien nur möglich, wenn dafür Mittel in den Haushalten dieses und des nächsten Jahres vorgesehen seien, soll Lindner Anfang dieses Monats an die Außen- und Verteidigungsminister geschrieben haben. Und: „Bitte sorgen Sie dafür, dass die Obergrenzen nicht überschritten werden.“
Das würde derzeit bedeuten, dass weitere Hilfen nicht mehr möglich sind. Für dieses Jahr stellt Deutschland acht Milliarden Euro an Hilfen für die Ukraine bereit, im Haushalt für das nächste Jahr wurde dieser Betrag um die Hälfte gekürzt.
Das Parlament kann jedoch noch beschließen, dass mehr Geld bereitgestellt werden muss. Das scheint jedoch unwahrscheinlich, da bereits hart über den Haushalt für das nächste Jahr verhandelt wurde.
Sprecher in Berlin bemühten sich am Montag, die wachsende Unruhe über die Finanzierung zu dämpfen. Ihrer Meinung nach steht Deutschland weiterhin voll hinter der Ukraine, und die Ankündigung von Minister Lindner habe keine Auswirkungen auf den Umfang der Hilfe, sondern nur auf die Art der Finanzierung. Das Finanzministerium erklärte, davon auszugehen, dass der geplante Kredit in Höhe von 50 Milliarden Euro, wie vom G7 beschlossen, ab Anfang nächsten Jahres zur Verfügung stehen wird. Das Verteidigungsministerium versicherte zudem, dass jederzeit „pragmatische Lösungen” angestrebt werden.
Dass die Hilfe offenbar eingeschränkt wird, stößt vor allem bei Bundeskanzler Scholz auf Kritik, auch aus den Reihen seiner eigenen Regierung. Scholz hat einerseits immer betont, dass Deutschland die Ukraine so lange wie nötig unterstützen werde. Andererseits möchte er sich als „Friedenskanzler” für Deutsche präsentieren, die befürchten, immer weiter in den Krieg hineingezogen zu werden.
Im kommenden Monat finden in mehreren ostdeutschen Bundesländern Wahlen statt, und Parteien, die sagen, dass das Geld, das in die Ukraine fließt, besser in Deutschland ausgegeben werden sollte, liegen in den Umfragen weit vorne. Ein Regierungssprecher bestreitet jedoch, dass dies eine Rolle spielt. Die Andeutung der christdemokratischen Oppositionspartei CDU, Scholz wolle deshalb jetzt den Geldhahn zudrehen, bezeichnet er als „skandalös”.
Deutschland-Expertin in den Niederlanden
Ulrike Nagel