Radio 1: 80 Jahre nach dem Krieg: Wie Deutschland gedenkt

2025 ist nicht nur ein Wahljahr für Deutschland, sondern markiert auch den 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, ein sensibles Thema. Wie wird Deutschland dieses Ereignis gedenken?

Zu Gast im Studio ist Hanco Jurgens vom Deutschland-Institut, und am Telefon haben wir die Journalistin Ulrike Nagel, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist und kürzlich einen Podcast zu diesem Thema veröffentlicht hat: Über die Mauer.

In diesem Gespräch

diskutieren die Journalistin Ulrike Nagel und Hanko Jürgens vom Deutschland-Institut in der Sendung „Mit Blick auf morgen”, wie Deutschland mit dem Gedenken an 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 2025 umgeht.

  • Gedenkveranstaltungen [00:35]: Hanko Jürgens merkt an, dass es weniger Gedenkveranstaltungen gibt als erwartet, aber dass der 8. Mai, der Tag der bedingungslosen Kapitulation, im Mittelpunkt steht. In der DDR wurde dieser Tag als Tag der Befreiung gefeiert, aber in der Bundesrepublik gab es immer Diskussionen darüber, ob es ein Tag der Niederlage oder des Sieges über den Nationalsozialismus war.
  • Ostdeutsche Erzählung [01:42]: Ulrike Nagel, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist, erklärt, dass die Erzählung dort ganz anders war. Die Sowjetunion wurde als Befreier angesehen, und die anderen Alliierten spielten keine Rolle. Der Faschismus wurde als Feind des Kommunismus dargestellt, weshalb der 8. Mai als Sieg gefeiert wurde. Nach dem Fall der Mauer kam Nagel mit dem westdeutschen Narrativ in Berührung, in dem die Weimarer Republik und alle Alliierten mehr Aufmerksamkeit erhielten.
  • Schuldbewusstsein und die Wiederbelebung von Debatten [03:00]: Das Schuldbewusstsein in Deutschland ist nach wie vor groß. Auffällig ist, dass der Zweite Weltkrieg in den letzten Jahren geradezu eine „Wiederbelebung” der Debatten erlebt, getragen von einer neuen Generation. Dies hängt mit der Position Deutschlands in der Welt, dem Krieg in der Ukraine und Russland sowie der komplexen Beziehung zu Israel zusammen [03:34].
  • AfD und der Schuldkomplex [04:28]: Die AfD (Alternative für Deutschland) steht dem deutschen „Schuldkomplex” kritisch gegenüber und hat Äußerungen getätigt, die die Gräueltaten des Nationalsozialismus verharmlosen, wie Gauland, der den Nationalsozialismus als „Vogelkacke” in der langen deutschen Geschichte bezeichnete [04:44], und Höcke, der eine „180-Grad-Wende” in der Erinnerungskultur forderte und Kritik am Holocaust-Mahnmal äußerte [04:59].
Ulrike Nagel vertelt op radio 1 over 80 jaar na de oorlog: Hoe Duitsland herdenkt.
Ulrike Nagel spricht im Radio 1 über 80 Jahre nach dem Krieg: Wie Deutschland gedenkt.
  • Das Verhältnis Ostdeutschlands zu Russland und verpasste Chancen [05:34]: Nagel betont, dass Ostdeutsche ein anderes Verhältnis zu Russland haben, zum Teil weil ihre Familien nach dem Krieg vor den Russen flohen, während sie in der offiziellen Geschichtsschreibung als Freunde dargestellt wurden. Nagel bedauert, dass die gemäßigten Parteien den Wunsch der Deutschen, stolz auf ihr Land zu sein und ihrer gefallenen Angehörigen zu gedenken, nicht aufgegriffen haben. Diese Lücke wird nun von den extremistischen Parteien gefüllt [07:02].
  • Opferrolle und Verarbeitung [08:51]: Jürgens verweist auf die 6 Millionen ermordeten Juden als zentrales Problem in der westdeutschen Erinnerungskultur. In Ostdeutschland herrschte eher das Gefühl der Opferrolle durch die Diktatur, die Bombardierungen und die Kriegsgefangenschaft, wobei dem Holocaust weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Nagel merkt an, dass den Ostdeutschen ein Teil dieser Geschichte fehlt und dass es noch viele unverarbeitete Elemente gibt, wie beispielsweise ihr eigenes spätes Bewusstsein für den D-Day [10:51].
  • Unvollendete Einheit [24:15]: Nagel kommt zu dem Schluss, dass Deutschland zwar offiziell vereint ist, die Unterschiede zwischen Ost und West jedoch deutlicher denn je werden, was zum Teil auf die unverarbeitete Geschichte und die Frustrationen zurückzuführen ist, die zu extremeren Wahlverhalten im Osten führen.

Link: NPO Radio 1

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